Sonntag, 2. Januar 2011

Satirischer Jahresrückblick in die Provinz - 5.Silvesterspitzen von Wolfgang Hörnlein (-pdh-)

entdeckt von www.hessenreporter.de
Südhessen (pdh) Aus gut informierten Quellen hat die südhessische Presseagentur -pdh- die wichtigsten Ereignisse des Jahres 2010 in einem fiktiven südhessischen Landkreis zusammengetragen. Trotz penibelster Recherche kann nicht für alle Meldungen die Gewähr für Richtigkeit übernommen werden… 

Zuerst der Dauerbrenner: Die mit öffentlichen Mitteln herausgegebene Postille "Kreis regional" wird noch immer kostenlos an alle Haushalte im kleinen Kreis verteilt. Es handelt sich um eine Selbstbeweihräucherung der Ämter und Eigenbetriebe im Landkreis, die sich und ihre Leistungen in der Tagespresse nicht ausreichend gewürdigt und bejubelt fühlten. Dies erledigen sie jetzt seit Jahren penetrant selbst. Der neue Landrat fand nicht die Kraft, die ursprünglich als rote Wahlkampfbibel konzipierte Streitschrift einzustellen, sondern nutzt es jetzt zu eigenen Zwecken. Eigenwerbung finanziert aus öffentlichen Mitteln auf Kosten der Steuerzahler ist ja auch extrem verlockend. Die Bürger des kleinen Kreises kostet das unsägliche periodische Pamphlet jährlich weit mehr als 100.000 Euro. Zusammen mit den Kosten für den neuen Ersten Kreisbeigeordneten schlagen unnützen Ausgaben im Kreis mit etwa einer viertel Million Euro zu Buche, beziehungsweise dem Bürger auf den Magen.


Die Leiterin des Landwirtschaftsamts brach sich im Januar den Arm. Der Weg zum Eingang war vereist. Das allein ist an dieser Stelle nicht unbedingt berichtenswert, die Hintergründe dagegen schon:
Das Gebäude gehört zum Bestand des hessischen Immobilienmanagements, die Pflicht zur Schneeräumung obliegt der Behörde, die mit dem Slogan wirbt: „Wir übernehmen das. Als Landesbetrieb sind wir der Dienstleister und Partner der Landesverwaltung in allen Fragen der Verwaltung und Vermarktung landeseigener Liegenschaften".
Dass Schnee im Winter und dann überregional fällt, und dieser bei allen Gebäuden des Bestands morgens gleichzeitig anfällt und beseitigt werden müsste, war auch der Landesverwaltung bekannt, weshalb man nach der erforderlichen Ausschreibung eine Firma aus der 66 Kilometer entfernten Mainmetropole als günstigsten Generalunternehmer mit der Schneeräumung beauftragt hatte. Und diese hatte das Landwirtschaftsamt im westlichsten Winkel des Südkreises wohl nicht auf dem Plan, sodass weder Schnee geräumt, noch Glatteis auf den Gehwegen beseitigt wurde. Vielleicht konnten die insgesamt zehn Mitarbeiter des preiswertesten Dienstleisters auch nicht bei hunderten von Objekten auf 21.114 Quadratkilometern gleichzeitig antreten. Und somit brach sich die Leiterin der Behörde auf dem morgendlichen Weg zu ihrem Arbeitsplatz den Arm.
Keiner soll nun sagen, dass das Immobilienmanagement nicht schnell reagierte. Umgehend wurde eine andere preisgünstige Firma mit der Schneeräumung im Südkreis beauftragt. Sie sitzt im westlichen Nachbarlandkreis und ist nur 31 Kilometer vom Landwirtschaftsamt entfernt.
Woran erkennt man im Winter auf den Straßen, dass man den Südkreis erreicht hat? Ganz einfach, der Kreis beginnt dort, wo die Schneeräumung zu wünschen übrig lässt und der Straßenzustand bei Schnee sichtbar schlechter als in den Nachbarkreisen wird.
Irgendwie können die Sachbearbeiter des kleinen Kreises nicht richtig rechnen. Bereits eine Woche vor Weihnachten geht das Streusalz zu Ende, das den ganzen Winter über ausreichen sollte. Zu einem Zeitpunkt war Schluss mit salzig, als der kalendarische Winter noch nicht einmal begonnen hatte. Berechnen dieselben Beamten auch den Kreishaushalt? Das würde einiges erklären…
Der Vorgang entbehrte nicht einer gewissen Ironie und mag manche der interessierten Zuschauer fassungslos zurückgelassen haben. Gerade eben noch hatte der Landrat am ersten März während der öffentlichen Kreistagssitzung die schlechtesten Haushaltszahlen der Kreisgeschichte vorgelegt, da brachte sein Parteifreund und Ehrenvorsitzender den Antrag der Freien Wähler ein, die Weichen dafür zu stellen, ab nächstem Jahr eine neue Planstelle für einen hauptamtlichen Ersten Kreisbeigeordneten zu schaffen. Geschätzte Mehrkosten um die 120.000 Euro. Dieses Ansinnen geht auf einen Deal mit den Sozis während der letzten Landratswahl zurück, denn diese sollen den Posten als Ausgleich für den verlorenen Posten des Landrats (oder besser der Landrätin) besetzen. Der Kandidat ist bereits bestimmt und steht schon in den Startblöcken.
Die so genannten Freien oder Überparteilichen Wähler im kleinen südlichen Landkreis sind ein getarnter, mehr oder weniger diskret wirkender Arbeitskreis der Sozialdemokraten. Seit Jahren zu erkennen an gegenseitiger Postenzuschieberei wie soeben beschrieben. Um den Schein zu wahren, tagen sie jedoch getrennt in so genannten Haupt- oder Mitgliederversammlungen. Alle haben es gemerkt, nur die Schwarzen im Kreis noch immer nicht. So haben sie doch allen Ernstes beim letzten Kreisparteitag vor der kommenden Kommunalwahl im März hoch motiviert das Motto ausgegeben, „mit einer ganz neu aufgestellten Mannschaft endlich die SPD-Vorherrschaft zu brechen. Wir haben die Chance, dies zusammen mit den Freien Wählern und vielleicht einer oder zwei kleineren Parteien zu erreichen." – Wenig später kam die Antwort der angeblich Freien Wähler: Bei der Mitgliederversammlung der Überparteilichen erklärte dazu deren Versammlungsleiter, dass die Freien »die Zusammenarbeit mit der SPD fortsetzen« möchten. Überrascht war niemand, bis auf die CDU.
Etwas hat der neue Landrat des kleinen Landkreises sehr geschickt gemacht: Er hat den Oppositionsparteien im Kreis Mitarbeit auf verschiedenen Politikfeldern angeboten. Die Grünen sind darauf angesprungen und somit aus der Oppositionsfront herausgebrochen worden. Und haben darüber hinaus noch für Arbeitsentlastung beim Landrat gesorgt. Schlau, schlau.
Bündnis 90 / Die Grünen haben ein Luxusproblem. Nicht nur im Bund, auch in den Ländern, und ganz besonders in den Kreisen. So auch im kleinen Südkreis. Die Politik der Volksparteien hat ihnen in den letzten Jahren einen ungeahnten Stimmenzuwachs beschert, den die frühere Alternativ-Partei personell nicht bedienen kann. Soll heißen: Aus den Kreisen kommt kein brauchbarer Polit-Nachwuchs für Länder und Bund. Denn in den Kreisen gilt noch der Gründerzeit-Dilettantismus als chic. Lieber eine Demo mehr besuchen als ein Rhetorik-Seminar. Und entsprechend hören sich dann auch die Debattenbeiträge der grünen Basis an. So weiß man dann im Land und Bund nicht mehr, woher versiertes grünes Personal genommen werden soll für die zu erwartenden Wahlerfolge in 2011.
Auch die Liberalen im Bundesland haben ein Personal-Problem. Die neue Kultusministerin besucht eine Schule im Südkreis, hält ein Referat und steht für eine Diskussion ihres Vortrags oder anderen Smalltalk dann nicht mehr zur Verfügung. Es könnte nämlich zu Fragen über ihren ministeriellen Arbeitsbereich kommen. Und zu dem kann sie auch im Landtag nur schriftlich zuvor eingereichte Fragen beantworten, Nachfragen in aktuellen Stunden im Parlament regelmäßig nicht mehr.
Erneuerbare Energie macht nicht immer nur Spaß. Einmal stinkt sie mehr als geplant und versprochen, dann geht ein Bio-Energiedorf fast pleite und schmeißt den Geschäftsführer raus und der Kreis liefert der Opposition nicht die gewünschten Auskünfte zur Angelegenheit. Die auch Monate nach den dubiosen Vorgängen noch nicht transparent geworden ist.
Was waren die Kämmerer der fünfzehn Gemeinden und Städte des Südkreises stolz, als ihnen vor Jahren gesagt wurde, sie dürften zukünftig wie große Konzerne ihre Buchhaltung gestalten, in Form der allseits gelobten „Doppik". Warnungen in der Presse wurden nicht wahrgenommen. Nun haben sie den Salat, alle Städte und Gemeinden sind pleite, neben den fehlenden Zuweisungen des Bundeslandes rechnen sie sich nach ihren neuen Richtlinien noch einmal zusätzlich in die roten Zahlen. Die Weitsicht der Kämmerer erinnert an die cross border leasing Erfahrungen der Kollegen in den großen Städten. Es lernt der Mensch, solang er lebt. Hoffentlich.
Nichts Neues ist von der so genannten „Operettenopposition" im Kreistag unseres virtuellen Landkreises zu vermelden. Hatte man zeitweise den Eindruck gewinnen können, die Schwarzen kehrten zu realer Politik und echter Opposition zurück, so legte sich diese Empfindung schnell wieder. Irgendwie hängt Politik wohl doch weitgehend vom Personal ab. siehe oben
Die Mitarbeiter der regionalen Tageszeitung sollen für einen neu zu vergebenden Journalistenpreis vorgeschlagen werden. Grund: An einem Tag im Dezember ist es ihnen erstmalig gelungen, einen eingesandten Bericht ohne sinnentstellende Veränderungen redaktionell zu kürzen.
Es ist noch etwas nachzutragen: Die westlichste Gemeinde des kleinen Südkreises hatte im Jahr zuvor ihren Bürgermeister zu wählen. Für die Sozialdemokraten trat ein parteiloser Bewerber an. Im Rahmen einer Hauptversammlung beschloss die Partei bei seiner Nominierung, keine Parteigelder für den Bürgermeisterwahlkampf des Kandidaten auszugeben. Etwas ungläubiges Kopfschütteln bei den Beobachtern. Auch einer der bestellten Kassenprüfer der Partei betrachtete diesen Beschluss etwas argwöhnisch. Als dann im nächsten Jahr der Termin der Kassenprüfung anstand, brauchte man den Kassenprüfer nicht. Man hatte bereits ohne ihn die Kasse heimlich mit anderem Personal geprüft. Ohne den offiziell gewählten misstrauischen Kassenprüfer. Kein Scherz.

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